Das Versprechen klang so verlockend: Jede:r kann mit jeder:m kommunizieren! Wir können in Zukunft Interviews mit den echten Wissenschaftler:innen führen – sogar auf der internationalen Raumstation! Die besten Lehrer:innen und Dozenten:innen werden ihre Vorlesungen online stellen und wir können alle von und mit ihnen lernen!
Durch das Web 2.0 wurden die Kosten für das Veröffentlichen von Inhalten so weit reduziert, dass fortan jede:r selber eine Druckerei (aka Blog) führen konnte und seine Gedanken, Bilder, Überlegungen mit der Welt teilen konnte – vernetzt über RSS und die Blogrolls. Das Bloggen oder dann auch das erste Microbloggen schaffte neue Allianzen und Öffentlichkeiten für Rand-Themen. So konnte erstmals auch der „long tail“ der Interessen einen Resonanzraum finden, in dem er sich austauschen konnte. (Das galt vor 20 Jahren im Übrigen auch für das „Digitale“ in Bildungsprozessen. Es war alles andere als üblich, mit einem Computer in der Schule zu arbeiten.
Wir – ich – habe damals die Vorzüge erklärt, ermutigt, auf das Neue neugierig gemacht.
Wikis im Unterricht! Videokonferenzen für Schüler:innen, die nicht zur Schule konnten! „Einfach mal probieren“.
Und nun, ein paar Jahre später? Wo sind wir gelandet?
TikTok, Snapchat, YouTube Shorts, Insta. Die vielleicht wichtigste Funktion von WhatsApp ist inzwischen der Status – der Chat nur noch eine Bestätigungsmaschine für Statusmitteilungen.
Nicht das Reden, Sinnieren und „sich Reiben“ ist die Triebfeder für die Interaktion, sondern das Präsentieren von Dingen – meist eine sterile, idealisierte Sicht auf die Welt, wie wir sie gerne hätten.
Aber wie schaffen wir es, wieder in den Austausch mit der Welt zu kommen? Ganz raus aus dem digitalen Austausch? Das ist keine Lösung. Technischer Fortschritt ist nicht schlecht – und die Lösung liegt nicht in der nass-kalten Höhle mit Bärenfell und rauchendem Feuer. Richtig ist aber auch, dass nicht jede Entwicklung das Heilsversprechen auch einlösen muss, das zu ihrer Popularität geführt hat.
„Mich beeindruckt die Gläubigkeit, mit der sich die Menschen von jeder neuen Entwicklung die Rettung der Welt erhoffen. Gestern war es Systems Dynamik, heute sind es die Expertensysteme – und immer wieder verspricht man sich von der neuen Technik die Lösung aller Probleme. Das beweist mir, dass die Menschen zur Technik kein vernünftiges Verhältnis haben.“ (Joseph Weizenbaum)
Was, wenn das, was wir heute gemeinhin unter „social media“ subsumieren, eine solche Fehlentwicklung ist?
„Tagträumen, das ist Fantasie entwickeln, sich aktiv in eine Welt denken, in der der Tagträumen die Welterfahrung antizipiert. Auf den Bildschirm schauen dagegen ist passives Konsumieren. Wer durch die Gegend läuft, dabei absorbiert ist von dem, was auf dem Bildschirm stattfindet, hat keine Weltwahrnehmung, sondern eine Abbildwahrnehmung.“
„Wer sich nicht in die reale Auseinandersetzung [mit der Welt] begibt, lebt nicht nur nicht in der Gegenwart, er hat auch kein konkretes Du. In der Folge kein haltendes Wir. Denn eine Maschine ist kein Mensch“.
Waltraud Schwab – Welterfahrung aus zweiter Hand [taz.de]
Und nun? Doch ganz raus? Ja und nein.
Ich denke, es ist an uns – an mir – Verantwortung zu übernehmen für die anderen Zeiten, in denen wir euphorisch die Entwicklungen begrüßt haben.
Aus den noch bestehenden Accounts auf den Plattformen habe ich mich ausgeloggt – teilweise schon vor Monaten. Und das bleibt auch. Vielleicht ist das Löschen dann nur noch ein formeller Akt.
Der Blog bleibt