Autor: schb

Arne über Serifen

Im Rahmen der Entzifferung eines alten Sütterlin-Briefes bin ich in den letzten Tagen über die Genese der Schriften gestolpert und auch deren politische Dimension unter den Nationalsozialisten.

Heute morgen fliegt der Newsletter von Arne (→ Link) in mein Postfach – und er schreibt ein paar Gedanken über Schriften. Sein Ansatz war die Bekanntmachung des US-Außenministeriums, statt der Calibri wieder die Times New Roman einsetzen zu wollen.

Das Außenministerium der USA wollen wieder die Schriftart »Times New Roman« statt der »Calibri« einsetzen. Diese vermeintliche absurde Kleinigkeit ist aber ein weiteres Indiz für einen Kulturkampf von Rechts und Ausdruck einer ausschließenden Ideologie und vermeintlichen »Volks-Identität«.

Alles ist politisch…

Mehr bei Arne im letzten Newsletter:
https://sendfox.com/arnexyz/c/88n08q/untitled-newsletter-23

Whatever works

„Whatever love you can get and give, whatever happiness you can filch or provide, every temporary measure of grace, whatever works.
And don’t kid yourself. Because its by no means up to your own human ingenuity. A bigger part of your existence is luck, than you’d like to admit.“

‚Boris Yellnikoff‘
in Whatever works

Social Media

Das Versprechen klang so verlockend: Jede:r kann mit jeder:m kommunizieren! Wir können in Zukunft Interviews mit den echten Wissenschaftler:innen führen – sogar auf der internationalen Raumstation! Die besten Lehrer:innen und Dozenten:innen werden ihre Vorlesungen online stellen und wir können alle von und mit ihnen lernen!

Durch das Web 2.0 wurden die Kosten für das Veröffentlichen von Inhalten so weit reduziert, dass fortan jede:r selber eine Druckerei (aka Blog) führen konnte und seine Gedanken, Bilder, Überlegungen mit der Welt teilen konnte – vernetzt über RSS und die Blogrolls. Das Bloggen oder dann auch das erste Microbloggen schaffte neue Allianzen und Öffentlichkeiten für Rand-Themen. So konnte erstmals auch der „long tail“ der Interessen einen Resonanzraum finden, in dem er sich austauschen konnte. (Das galt vor 20 Jahren im Übrigen auch für das „Digitale“ in Bildungsprozessen. Es war alles andere als üblich, mit einem Computer in der Schule zu arbeiten.

Wir – ich – habe damals die Vorzüge erklärt, ermutigt, auf das Neue neugierig gemacht.
Wikis im Unterricht! Videokonferenzen für Schüler:innen, die nicht zur Schule konnten! „Einfach mal probieren“.

Und nun, ein paar Jahre später? Wo sind wir gelandet?

TikTok, Snapchat, YouTube Shorts, Insta. Die vielleicht wichtigste Funktion von WhatsApp ist inzwischen der Status – der Chat nur noch eine Bestätigungsmaschine für Statusmitteilungen.

Nicht das Reden, Sinnieren und „sich Reiben“ ist die Triebfeder für die Interaktion, sondern das Präsentieren von Dingen – meist eine sterile, idealisierte Sicht auf die Welt, wie wir sie gerne hätten. 

Aber wie schaffen wir es, wieder in den Austausch mit der Welt zu kommen? Ganz raus aus dem digitalen Austausch? Das ist keine Lösung. Technischer Fortschritt ist nicht schlecht – und die Lösung liegt nicht in der nass-kalten Höhle mit Bärenfell und rauchendem Feuer. Richtig ist aber auch, dass nicht jede Entwicklung das Heilsversprechen auch einlösen muss, das zu ihrer Popularität geführt hat.

„Mich beeindruckt die Gläubigkeit, mit der sich die Menschen von jeder neuen Entwicklung die Rettung der Welt erhoffen. Gestern war es Systems Dynamik, heute sind es die Expertensysteme – und immer wieder verspricht man sich von der neuen Technik die Lösung aller Probleme. Das beweist mir, dass die Menschen zur Technik kein vernünftiges Verhältnis haben.“ (Joseph Weizenbaum)

Was, wenn das, was wir heute gemeinhin unter „social media“ subsumieren, eine solche Fehlentwicklung ist?

„Tagträumen, das ist Fantasie entwickeln, sich aktiv in eine Welt denken, in der der Tagträumen die Welterfahrung antizipiert. Auf den Bildschirm schauen dagegen ist passives Konsumieren. Wer durch die Gegend läuft, dabei absorbiert ist von dem, was auf dem Bildschirm stattfindet, hat keine Weltwahrnehmung, sondern eine Abbildwahrnehmung.“

„Wer sich nicht in die reale Auseinandersetzung [mit der Welt] begibt, lebt nicht nur nicht in der Gegenwart, er hat auch kein konkretes Du. In der Folge kein haltendes Wir. Denn eine Maschine ist kein Mensch“.

Waltraud Schwab – Welterfahrung aus zweiter Hand [taz.de]

Und nun? Doch ganz raus? Ja und nein. 

Ich denke, es ist an uns – an mir – Verantwortung zu übernehmen für die anderen Zeiten, in denen wir euphorisch die Entwicklungen begrüßt haben.
Aus den noch bestehenden Accounts auf den Plattformen habe ich mich ausgeloggt – teilweise schon vor Monaten. Und das bleibt auch. Vielleicht ist das Löschen dann nur noch ein formeller Akt.
Der Blog bleibt

Streng dich doch mal an

In der TAZ der letzten Woche gibt es einen Artikel über KI: „Streng dich doch mal an

Darin:

„Auch deshalb habe ich weniger Angst davor, von einer KI ersetzt zu werden als vor den Nebenwirkungen dieser Entwicklung: der Entwertung menschengemachter Dinge und dem Verlust von gegenseitigem Interesse. Wenn niemand mehr den Roman einer echten Person lesen will, wenn es unwichtig wird, weshalb sich jemand für ein Thema, eine Geschichte, eine Melodie entschieden hat, weil es nur noch um das fertige Produkt geht – dann verändert sich auch das Schreiben selbst, das doch sonst so sehr darum ringt, eben nicht egal zu sein.“

Ich ändere das mal ein wenig ab:

„Auch deshalb habe ich weniger Angst davor, von einer Maschine ersetzt zu werden als vor den Nebenwirkungen dieser Entwicklung: der Entwertung handgefertigter Dinge und dem Verlust von gegenseitiger Wertschätzung. Wenn niemand mehr die Arbeit eines Handwerkers sehen will, wenn es unwichtig wird, weshalb er sich für ein Material, eine Form, eine Technik entschieden hat, weil es nur noch um das fertige Produkt geht – dann verändert sich auch das Handwerk selbst, das doch sonst so sehr darum ringt, eben nicht beliebig zu sein.“

IKEA lässt grüßen. Wir haben uns nicht erst im Rahmen der KI von der menschlichen Arbeit entfremdet. Das gehört zu unserem Lebens- und Gesellschaftsmodell dazu. Und es muss auch nicht schlecht sein. Aber deshalb muss es auch nicht gut sein.

Es ist nur ein Trugschluss zu glauben, dass KI erst diese Entwicklung bewirkt. KI greift jedoch eine der letzten Bastionen menschlicher Selbstzuschreibung an: Das Denken und die Kreativität. 

Bei einer Maschine kann ich noch sagen: Das eigentlich Wichtige ist der Gedanke, der sich vorher manifestiert hat. Das Werkzeug setzt das nur um (→ Michaelangelo „„Die Skulptur ist bereits vollständig im Marmorblock vorhanden, bevor ich mit meiner Arbeit beginne. Es ist schon da, ich muss nur noch das überflüssige Material wegmeißeln.“).

Und jetzt bleibt dem Menschen der Prompt? Neee.

Die Entfremdung hat uns auch von dem entfremdet, was unser Dasein erst möglich macht: Der kleinen blauem Kugel im Weltall.

Übrigens: Morgen ist Wintersonnenwende.