‚Nicht auf alles reagieren‘
Zuerst möchte ich auf einen Artikel von Armin Hanisch hinweisen: „Nicht auf alles reagieren“. Vielleicht lesen alle, die dies hier lesen, eh auch dort. Aber vielleicht auch nicht.
Darin:
Es gibt diese alte memetische Geschichte (meistens ist es ein alter Indianer, der diese Geschichte erzählt) von den beiden Wölfen in jedem Menschen, die miteinander kämpfen. Auf die unweigerliche Frage, welche der beiden Wölfe gewinnt, kommt dann die Antwort “der, den Du fütterst”.
Außerdem zitiert er jenen Spruch, den ich mir selber auch immer wieder im Alltag vorsage, wenn die Situation über den Kopf zu wachsen erscheint:
Gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Kraft, die Dinge zu ertragen, die ich nicht ändern kann
und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.
Macht, Gewalt und Gesellschaft
In den vergangenen Monaten – und vor allem in den vergangenen Tagen – sind mir immer wieder Fragmente und Zitate aus der Soziologie in den Kopf gekommen.
Mit diesen Brillen, mit diesen Zitaten die aktuelle Lage zu betrachten, hilft mir ein wenig.
David Hume
„Nichts erscheint jenen, die sich mit den menschlichen Angelegenheiten aus philisophischer Sicht befassen, erstaunlicher als die Leichtigkeit, mit der die Vielen von den Wenigen unterdrückt werden.“
Max Weber
„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“
J. J. Rousseau: „Der Gesellschaftsvertrag“
„Solange ein Volk gezwungen wird zu gehorchen, so tut es wohl, wenn es gehorcht; sobald es sein Joch abzuschütteln imstande ist, so tut es noch besser, wenn es dasselbe von sich wirft, denn sobald es seine Freiheit durch dasselbe Recht wiedererlangt, das sie ihm geraubt hat, so ist es entweder befugt, sie wieder zurückzunehmen, oder man hat sie ihm unbefugterweise entrissen.“
„‚Gehorchet den Gewalthabern!‘ Wenn dies bedeuten soll: gebet der Stärke, der Gewalt nach, so ist das Gebot gut, aber überflüssig. […] Wenn mich ein Räuber im Waldesdickicht überfällt, so muß ich mich der Gewalt fügen und ihm meine Börse geben; verpflichtet mich aber wohl mein Gewissen, sie zu geben, wenn ich imstande wäre, sie ihm vorzuenthalten?“
„Gestehen wir also, daß Stärke kein Recht gewährt, und daß man nur verpflichtet ist, der rechtmäßigen Gewalt Gehorsam zu leisten.“
H. Popitz
Als Literaturtipp für die Frage, wie Macht überhaupt entsteht:
H. Popitz: Prozesse der Machtbildung [Wikipedia]
„Wie geschieht es, daß wenige Macht über viele gewinnen? Daß ein geringer Vorsprung, den einige erreicht haben, ausgebaut werden kann zur Macht über andere Menschen? Daß aus etwas Macht mehr Macht wird und aus mehr Macht viel Macht?“
„Anspruch und Hinnahme der Machtverhältnisse wiederholten vertraute Modelle. Affektive Reaktionen des Widerstandes, Verzweiflung oder nackte Wut, waren erst in sehr späten Stadien des Prozesses – bei stark geminderter Widerstandsfähigkeit – zu erwarten.
Eine Widerstandsbereitschaft als gelernte Reaktion – einschließlich gelernter Verfahrensweisen – fehlte. Sie hätte in sehr frühen Stadien des Prozesses fast sicheren Erfolg gehabt.
Insofern waren die drei Machtnahmen, die sich „wie zwangsläufig“ mit „absurder Selbstverständlichkeit“ vollzogen, eben nicht zwangsläufig, sondern absurd.“